Balance zwischen Wünschen und Anforderungen von Arbeitnehmer*innen und Arbeitgebern

Zum nächsten „Rund ums Personal“ Stammtisch am 1. September 2020 gewähren uns Julia Kounlavong von ehemals Amazon und Andrej Synnatzschke vom Zoo Leipzig Einblicke in ihre Arbeit und Haltung zum Thema „Balance zwischen Wünschen und Anforderungen von Arbeitnehmer*innen und Arbeitgebern“. Im Interview hat Julia uns bereits vorab einen Einstieg ins Thema gegeben.

Wie sah dein bisheriger beruflicher Werdegang aus? 

Ich habe in Leipzig mein Abitur gemacht und auch hier studiert. Mit 23 hätte ich meinen Master of Science in der Regelstudienzeit beenden können, um in die Berufswelt zu starten, allerdings entschied ich mich für ein work&travel Jahr und lernte andere Arbeitskulturen kennen. Während meines Studiums habe ich bereits Erfahrung in der Personalabteilung von Amazon und der Jobbörse Absolventa machen dürfen. Nach meiner Rückkehr ging es direkt in mein nächstes Praktikum in Berlin. Die Employer Branding Agentur Embrace, die im Bertelsmann Konzern angesiedelt ist, hat mir so gut gefallen, dass ich dort direkt meinen ersten Vollzeitjob angefangen habe. Ich habe das Netzwerk blicksta mit aufgebaut. Das Netzwerk richtete sich an Schüler*innen, um sie dabei zu unterstützen mithilfe von Tests herauszufinden, welche Stärken sie besitzen um eine besser passende Entscheidung treffen zu können, ob sie studieren oder lieber eine Ausbildung machen sollten. Nach ein paar Jahren suchte ich nach einer neuen Herausforderung und fand sie bei Amazon, wo ich das Employer Branding und zugehörige Marketing für Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland aufbaute. Später kamen noch Österreich und UK hinzu. Parallel habe ich auch globale Projekte geleitet und mich dadurch vor allem auf interkultureller Ebene weiterentwickelt. Seit ich 2016 die erste meiner Yogaausbildungen gemacht habe, unterrichte ich parallel zu meinen Jobs auch Yoga in Berliner Studios.

Wie kann der Mittelweg zwischen Selbstverwirklichung und dem Job, der gemacht werden muss, funktionieren?

Die Frage ist: „Warum arbeitest du? Was ist dein Purpose?“ Arbeit muss nicht zwingend tiefsinnig sein. Es kann einfach der Tausch von Geld gegen Arbeit sein und das ist ein guter Deal. Es muss aber auch individuell passen.

Der Druck einen guten Job zu finden, geht zeitig los, in dem jedem/*r suggeriert wird, dass ohne Abitur nichts aus mir wird. Die Angst wird bei den Eltern geschürt und trägt sich in die Schulen weiter, weshalb zeitig eine Erwartungshaltung geschaffen wird, die vielleicht oder mit Sicherheit nicht zu jedem Schüler passt geschweige denn erfüllt werden kann. Hinzukommt, dass sich unsere Arbeitswelt verändert. Schon jetzt gibt es Jobs, die es vor zehn Jahren noch nicht in unserer Vorstellung gab und es werden sich weitere herausbilden, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Zu dem wird die Schere zwischen Spezialisten und Personen, die einfachen Jobs erledigen immer größer. Es müssen also Lösungen gefunden werden, die es jeder Person ermöglichen den Mittelweg zwischen Selbstverwirklichung und Job einschlagen zu können. Ich persönlich habe die Lösung noch nicht gefunden, aber vielleicht ist es ein guter Ansatz sich generell von der Vorstellung zu lösen, dass man die eine Stelle inklusive ihrer Tätigkeiten ausübt und man hin geht zu einer Rollenbetrachtung. Um einen Mittelweg zu unterstützen, ist es vielleicht auch gut mal eine andere Rolle auszuüben. Ich persönlich hätte kein Problem damit gehabt 1 Tag pro Woche im Logistikbereich mitzuarbeiten und Pakete zu versenden. 

Wo siehst du da die Vorteile?

Man schafft Anreize, nicht in den typischen Bildern zu denken, sondern in Rollen. Als Unternehmen erfindet man sich demnach neu. „Wie können wir Menschen einstellen? Was wollen sie wirklich?“ Vielleicht bietet man parallel Sprachkurse oder Ähnliches an. 30 Stunden Kundenbestellungen bearbeiten, 10 Stunden Raum für Entwicklung zum Beispiel. Oder mal im Ausland die Kundenbestellungen bearbeiten, um den Horizont zu erweitern. Es muss ja nicht immer in die Höhe gehen, sondern vielleicht auch mal in die Breite. 

Schauen wir die andere Seite der gut bezahlten Bürojobs an. Was kann hier gegen Fluktuation getan werden, wenn schon viele Anreize da sind?

Unternehmen sollten sich häufiger als Start-Ups verstehen, statt sich in Sicherheit zu wiegen. Die Denke „Wir haben das schon immer so gemacht, das bleibt jetzt so“ wird ihnen auf die Füße fallen. Ich denke auf dem deutschen Markt reden wir hier nicht über Feinheiten, sondern über eine 180-Grad-Wende. Das Rollenverständnis, die (Weiter-)Entwicklung, das sich ständig neu erfinden, um innovativ zu bleiben und damit einen Wettbewerbsvorteil zu haben, sind Bestandteile einer Unternehmenskultur, die nicht zwingend direkt sichtbar sind. Aus Arbeitnehmer*innensicht finde ich diesen Ansatz genauso wichtig. Sich selbst als Unternehmer*in zu verstehen, um dafür zu sorgen, dass man anpassbar bleibt. Meiner Meinung nach sollte man immer in sich selbst investieren und dabei vielleicht auch neue Strategien entwickeln, wenn man weiterkommen und etwas erschaffen will. Stagnation kann man eigenverantwortlich entgegenwirken. Und wenn das beide Seiten machen, entsteht ein fruchtbares Ökosystem, weil niemand zu kurz kommt.

Möchtest du selbst noch etwas ansprechen?

Ich erwarte persönlich, dass alle etwas offener werden. Dass das verkopfte, deutsche Denken durch Mut und das Zeigen von Verletzbarkeit ersetzt wird. Und dass das Fehlerdenken, das uns mitgegeben wurde, aufgebrochen wird. Wir müssen Erfahrungen machen, um zu erkennen, ob etwas taugt oder nicht. Der Mut etwas zu machen, muss gefördert und eingefordert werden. Und wenn man dann vor eine Wand rennt, dann ist es eben so, mit Sicherheit war der Prozess aber spannend und es ist sehr wahrscheinlich, dass dabei etwas gelernt wird. Das Ganze muss allerdings top-down vorgelebt werden – ansonsten ist solch eine Veränderung schwer.

Du möchtest dabei sein?

Die Veranstaltung findet am 1. September ab 19 Uhr in unserem digitalen Büro statt. Für die Anmeldung schickt uns bitte eine kurze Mail mit Namen an post@effektrausch.de und ihr erhaltet von uns die Bestätigung mit dem Link zu unserem digitalen Büro.